Yoga und Ernährung

Der Mensch kann überall auf der Welt überleben – er muss sich nur seiner Umgebung anpassen. Dazu gehört auch die Anpassung der Ernährung.

Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, aber diejenige, die am anpassungsfähigsten auf Veränderungen reagiert.
Charles Darwin (1809-1882), britischer Naturforscher

Ernährung und Bewusstsein

Es ist eines der großen Verdienste der Yogis, schon vor tausenden von Jahren erkannt zu haben, dass eine enge Beziehung zwischen Bewusstsein und Ernährung besteht. Deswegen gibt es so viele Ernährungsformen – weil es so viele Arten vom Bewusstsein bei den Menschen gibt.

Unser Bewusstsein formt die Sympathie zu bestimmten Nahrungsmitteln, was wir als Appetit bezeichnen. Daher bringt es nicht viel, peripher an den Ernährungsformen immer wieder Änderungen vorzunehmen, weil sich das gewohnte Gleichgewicht wieder einstellt, das vom Bewusstsein bestimmt wird. Es ist viel intelligenter und langfristig wirksamer, an seinem Bewusstsein zu arbeiten – und zwar so, dass einem zunehmend das wirklich schmeckt, was „gesund“ ist.

Im Yoga heißt das, zunehmend Appetit auf Sattvige Nahrung zu entwickeln.

Die drei Gunas

Yoga sagt, der Mensch ist Geist, der einen Körper hat. Der Geist des Menschen ist die Widerspiegelung des vollkommenen göttlichen Bewusstseins in uns. Durch mehr oder minder starke Identifizierung des Geistes mit der Materie entstehen unterschiedliche Arten von Bewusstsein.

So sind im Menschen immer drei Arten von Bewusstsein erkennbar, von denen immer eines mehr oder minder stark im Vordergrund ist. Das ist so, wie wenn man ein Seil aus Fäden unterschiedlicher Farbe flechten würde: Je nachdem, welcher Faden mit welcher Farbe überwiegt, so wird das ganze Seil gefärbt erscheinen. Guna heißt Faden. Und je nachdem welches Guna im Vordergrund ist, so wird das ganze Bewusstsein gefärbt sein.

  • Wenn der Geist fast vollständig von der Materie absorbiert wird, entsteht ein sehr dunkles dumpfes Bewusstsein (Tamas Guna)
  • Wenn sich der Geist von der Materie befreit, entsteht Unruhe, Aktivität, Nervosität (Rajas Guna)
  • Erst wenn der Geist sich vollständig von der Materie befreit hat – im Zustand des Samadhi – hat der Yogi die drei Gunas überwunden, und es entsteht ein klares reines Bewusstsein (Sattva Guna)

Ziel des Yogi ist es,

sich vom Tamas-Bewusstsein über das Rajas-Bewusstsein zum Sattva-Bewusstsein zu entwickeln. Auf diesem Weg sensibilisiert sich der Yogi für die Nahrung, die dieser Entwicklung entspricht und umgekehrt fördert die Nahrung auch die geistige Entwicklung.

Sattvige Nahrung

Reinste Ernährung, am besten für jeden Yoga-Schüler geeignet

„Sie nährt den Körper und erhält ihn in einem friedfertigen Zustand. Sie beruhigt und reinigt den Geist, befähigt ihn zu Höchstleistungen. Eine Sattvige Ernährung führt somit zu wahrer Gesundheit. Ein friedfertiger Geist kontrolliert einen kräftigen Körper und zwischen beiden fließt ein ausgeglichener Energiestrom.“ Swami Sivananda

Getreide, Vollkornbrot, frisches Obst und Gemüse, reine Fruchtsäfte, Milch, Butter und Käse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Sprossen, Honig und Kräutertee

Essverhalten: Langsames, bewusstes, dankbares Essen

Rajasige Nahrung

„Zu Rajas-Nahrung zählt man Speisen, die sehr scharf, bitter, sauer, trocken oder salzig sind. Sie zerstören das geistig-körperliche Gleichgewicht, indem sie den Körper auf Kosten des Geistes nähren. Zu viel rajasige Nahrung überreizt den Körper und erregt Leidenschaften, der Geist wird unruhig und unkontrollierbar.“ Swami Sivananda

Scharfe Gewürze, starke Kräuter, Stimulantien wie viel Kaffee und Tee sowie Fisch, Eier, Salz und Schokolade

Essverhalten: Hastiges Essen („fast food“)

Tamasige Nahrung

„Eine tamasige Nahrung nützt weder dem Geist noch dem Körper. Prana wird abgezogen, der Verstand wird getrübt. Trägheit stellt sich ein. Die Abwehrkräfte des Körpers schwinden, und der Geist füllt sich mit düsteren Empfindungen wie Ärger und Habgier.“ Swami Sivananda

Viel Fleisch, viel Alkohol, viel Zwiebeln und Knoblauch, viel Essig und auch schon verdorbene und überreife Substanzen

Essverhalten: Völlerei

Ernährung und klimatische Verhältnisse

Die Ernährung hängt nicht nur vom Bewusstsein sondern auch von den klimatischen Verhältnissen ab. Das gilt auch für die Ernährung eines Yogi. Es gibt zwar die oben genannte Idealvorstellung der Ernährung eines Yogi, wenn er in Indien lebt. Aber wenn er in Europa lebt, wird er sich in seinem Appetitverhalten an die geänderten klimatischen Bedingungen anpassen. Denn ein Yogi richtet sich nach den Naturgesetzen – und nicht nach Ideologien, Emotionen oder Weltanschauungen.

Yoga bedeutet, dass wir mit der Natur und nicht gegen die Natur leben und handeln. Wir können die Natur nur dann beherrschen, wenn wir ihre Gesetze nicht nur kennen, sondern sie auch anerkennen.“
Selvarajan Yesudian

Und diese Änderung des Appetitverhaltens würde noch stärker ausfallen, wenn er bei den Eskimos in der Arktis leben würde. Es wäre auch etwas zu viel verlangt, wenn ein Eskimo Gemüse anbauen müsste, um in den Himmel kommen zu können.

Ich glaube aber nicht, dass der liebe Gott das Seelenheil
nur den Bewohnern wärmerer Klimate vorbehält.“
Selvarajan Yesudian

Essen sollte nicht zur Ideologie werden

Ein Yogi sollte seine spirituellen Bestrebungen nicht auf die Küche beschränken“
Paramahansa Yogananda

Denn dadurch wird das Ego aufgebläht - und das verhindert den geistigen Fortschritt.

Auch wenn der Mensch ein Bindeglied zwischen Geist und Materie ist, so ist er mit seinem Körper doch Bestandteil der materiellen Welt, in der die Gesetze der Natur herrschen. Und Naturgesetz ist, dass der Körper seine verbrauchten Kräfte immer wieder ersetzen muss – gleichgültig wo er lebt. Dazu braucht er Nahrung, und die ist entsprechend den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen unterschiedlich.

Die Ernährung eines klugen Yogi

Der Yogi esse maßvoll und angemessen, sonst ist er – wie klug auch immer – nicht erfolgreich.“
Siva Samhita

Daher ist es für den klugen Yogi wichtig

  • sich zum Sattva-Bewusstsein zu entwickeln und sattvige Nahrung (siehe oben) zu bevorzugen,
  • sich aber trotzdem nach den Naturgesetzen zu richten – d.h. nach den Ergebnissen der Wissenschaften, die die Naturgesetze erforschen.

Deswegen sind für einen in Europa lebenden Yogi